Taktikmotive im SchachRatgeber

Abzugsschach und Doppelschach: zwei Drohungen mit einem Zug

Beim Abzugsschach zieht ein Stein aus der Linie einer eigenen Dame, eines Turms oder Läufers, und diese Figur gibt dadurch Schach. Der weggezogene Stein kann zugleich eine eigene Drohung aufstellen. Gibt er selbst ebenfalls Schach, entsteht ein Doppelschach, gegen das nur ein Königszug hilft.

Eine Hand hebt einen hellen Springer vom Brett, dahinter zielt ein heller Turm auf den dunklen König
Bild: KI-generiert

Ein Stein zieht weg, und plötzlich steht der gegnerische König im Schach, obwohl der gezogene Stein ihn gar nicht angreift. Das Schach kommt von einer Figur, die bisher verdeckt hinter ihm stand. Diesen Vorgang nennt man Abzug, das Schach daraus Abzugsschach. Gibt auch der gezogene Stein Schach, ist es ein Doppelschach.

Abzug, Abzugsschach und Doppelschach

Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt den Abzug, auch Abzugsangriff genannt, als Zug eines Steins, der dabei aus der Wirkungslinie einer langschrittigen Figur tritt, also eines Läufers, Turms oder einer Dame. Diese Figur wird dadurch aktiv und führt einen Angriff aus [1]. Die englischsprachige Wikipedia spricht von einem direkten Angriff, der aufgedeckt wird, wenn ein Stein einem anderen aus dem Weg zieht [2].

Richtet sich der aufgedeckte Angriff gegen den König, heißt das Abzugsschach. Schlotter definiert es in seinem Lehrbuch als das Schach, das durch Wegziehen eines Steines aus der gegen den gegnerischen König gerichteten, verdeckten Wirkungslinie einer anderen eigenen Figur gegeben wird [3]. Die Wirkungslinie kann eine Linie, eine Reihe oder eine Diagonale sein [3].

Geben beide Figuren Schach, die weggezogene und die aufgedeckte, entsteht ein Doppelschach [2]. Die englischsprachige Wikipedia nennt noch einen dritten Fall: Der weggezogene Stein gibt Schach, und die aufgedeckte Figur greift eine andere Figur an [2]. Nach der deutschsprachigen Wikipedia hat dieser Fall eine vergleichbare Wirkung wie ein Abzugsschach [1].

Warum ein Abzugsschach so stark ist

Ein Schach muss abgewehrt werden, die Spielregeln verbieten es, den eigenen König im Schach zu lassen [4]. Der abziehende Stein kann deshalb fast ungestört eine zweite Drohung aufstellen, weil der Gegner zuerst auf das Schach antworten muss. Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt den Effekt so, als dürfe die abziehende Figur zwei Züge hintereinander machen [1]. Im Schachjargon heißt dieser Stein auch Desperado, weil er sich "gesetzlos" verhalten kann, wenn die Abzugsdrohung stark genug ist [1].

Heller Läufer und heller Turm stehen auf einer Diagonale des Holzbretts, in der Ecke ein dunkler König
Bild: KI-generiert

Die Wikipedia zeigt das an einer einfachen Stellung. Weiß hat König h1, Turm f7, Läufer c4 und Bauern auf b3, g2 und h2, Schwarz hat König g8 und Dame a5 [1]. Der Turm verdeckt die Diagonale des Läufers zum schwarzen König. Mit Weiß am Zug zieht der Turm nach a7 oder f5. Der Läufer gibt Schach, und zugleich greift der Turm die Dame an. Nach einem Königszug schlägt der Turm die Dame. Stellt Schwarz die Dame nach d5 dazwischen, schlägt der Läufer sie [1]. Ist Schwarz am Zug, kann er nach der Wikipedia den Damenverlust nur mit Kh8 verhindern, also indem er die Diagonale verlässt [1]. Selbst ein Schach der Dame auf e1 hilft nicht: Weiß stellt den Turm mit 2.Tf1 dazwischen und gibt dabei Abzugsschach [1].

Abzugsangriffe können mehrere Ziele auf einmal treffen. In einem Beispiel der englischsprachigen Wikipedia zieht ein weißer Springer von e6 nach c7. Er gabelt die beiden schwarzen Türme auf a8 und e8, die weiße Dame auf b3 gibt nun Schach, und der Läufer auf h3 greift die schwarze Dame auf c8 an [2].

Schlotter zeigt, dass das Abzugsschach auch zur Verteidigung dient. In einer seiner Stellungen weicht der weiße König einem Schach nach f5 aus und räumt dabei die g-Linie. Ein weißer Turm auf g4 gibt dem schwarzen König auf g8 dadurch Schach [3]. So rettet sich Weiß vor weiteren Angriffen, denn Schwarz muss zuerst das Schach gegen den eigenen König abwehren, und gleichzeitig wird das Abzugsschach zum Angriffswerkzeug [3].

Abzugsfallen in der Eröffnung

Einige Eröffnungsfallen beruhen auf einem Abzugsschach. Die deutschsprachige Wikipedia nennt eine Variante der Russischen Verteidigung: 1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 Sxe4 4.De2 Sf6 5.Sc6+ [1]. Die weiße Dame auf e2 gibt Schach, weil der Springer die e-Linie verlassen hat, und zugleich greift der Springer auf c6 die schwarze Dame auf d8 an. Schwarz verliert die Dame [1]. Besser wären nach der Quelle 3...d6 und 4...De7 gewesen [1].

Eine ähnliche Falle gibt es in der Vorstoßvariante der Französischen Verteidigung. Nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.c3 Sc6 5.Sf3 Db6 6.Ld3 cxd4 7.cxd4 schlägt Schwarz den Bauern mit 7...Sxd4 8.Sxd4 Dxd4 [2]. Jetzt folgt 9.Lb5+: Der Läufer gibt Schach und gibt zugleich die Linie der weißen Dame auf d1 zur schwarzen Dame auf d4 frei. Schwarz muss aus dem Schach, und Weiß schlägt mit 10.Dxd4 [2]. Mehr zu dieser Eröffnung steht unter Französische Verteidigung.

Doppelschach: nur der König kann ziehen

Gegen ein Doppelschach hilft nur ein Königszug. Es ist unmöglich, beide schachgebenden Figuren mit einem Zug zu schlagen oder beide Linien mit einem Stein zu verstellen [5]. Schlotter erklärt das an einem Abzugsschach mit Doppelschach durch Springer und Turm: Nicht beide schachgebenden Figuren lassen sich mit einem Zug gleichzeitig schlagen, also bleibt nur das Wegziehen [3]. In seinem Beispiel steht der Springer nach dem Zug auf e6, wo ihn der schwarze Bauer f7 schlagen könnte. Das ist nicht erlaubt, weil der Turm auf d1 dann weiter Schach gäbe [3]. Darf der König dabei einen der beiden Angreifer schlagen, weil dieser ungedeckt ist, zählt auch das als Königszug [4].

Ein dunkler König am Brettrand, zwei helle Figuren zielen aus verschiedenen Richtungen auf ihn
Bild: KI-generiert

Ein Beispiel der englischsprachigen Wikipedia: Weiß hat König f1, Turm g1 und Läufer g3, Schwarz hat König g7, Dame d4 und Bauern auf a2, e5 und f5 [5]. Mit 1.Lxe5 schlägt der Läufer einen Bauern und gibt Schach auf der Diagonale, und der Turm auf g1 gibt Schach auf der g-Linie. Die Quelle nennt dieses Doppelschach einen Gewinnzug [5]. Der Läufer auf e5 greift zugleich die Dame auf d4 an.

In der Notation steht ein Doppelschach meist mit einem einfachen "+". Manche Autoren schreiben "++", doch das Zeichen wird auch für Schachmatt verwendet [5]. Die Regeln der FIDE führen "++" oder "#" als Zeichen für Matt [4]. Mehr zur Schreibweise steht unter Schachnotation.

Aron Nimzowitsch wird in der englischsprachigen Wikipedia mit dem Satz zitiert, vor einem Doppelschach fliehe selbst der faulste König [5]. Ein berühmtes Beispiel ist die Partie Réti gegen Tartakower, Wien 1910: 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sf6 5.Dd3 e5 6.dxe5 Da5+ 7.Ld2 Dxe5 8.0-0-0 Sxe4 9.Dd8+ Kxd8 10.Lg5+ [5, 6]. Réti opfert die Dame, um ein Doppelschach durch Läufer g5 und Turm d1 vorzubereiten. Nach 10...Kc7 folgt 11.Ld8#, nach 10...Ke8 folgt 11.Td8# [5].

Auch in der "Immergrünen Partie" Anderssen gegen Dufresne von 1852 entscheidet ein Doppelschach nach einem Damenopfer: 20.Txe7+ Sxe7 21.Dxd7+ Kxd7 22.Lf5+ Ke8 23.Ld7+ Kf8 24.Lxe7# [5]. Mit 22.Lf5 geben Läufer und Turm d1 zugleich Schach. Auf 22...Kc6 wäre 23.Ld7# gefolgt [5].

Doppelschach durch Schlagen en passant

Normalerweise gibt beim Doppelschach der gezogene Stein selbst Schach. Es gibt eine Ausnahme: das Schlagen en passant [1, 5]. Dabei verschwinden zwei Steine von ihren Feldern, der schlagende Bauer von seinem Ausgangsfeld und der geschlagene Bauer von seinem Feld. Beide Lücken können eine Linie öffnen [2].

So geschah es in der Partie Gundersen gegen Faul von 1928. Schwarz zog 14...g5, und Weiß schlug 15.hxg6 en passant [5]. Der weiße Bauer selbst gab kein Schach. Der Turm auf h1 gab Schach, weil der Bauer die h-Linie geräumt hatte, und der Läufer auf c1 gab Schach, weil der geschlagene Bauer von g5 verschwunden war. Der schwarze König auf h6 war matt [5]. Die englischsprachige Wikipedia nennt ein solches Doppelschach in der Praxis äußerst selten [5]. Die deutschsprachige Wikipedia fügt hinzu, dass auch die Rochade zwei Felder räumt, aber kein Doppelschach ermöglicht, und dass ein Dreifachschach unmöglich ist [1]. Die Regel zum Schlagen en passant erklärt die Seite En passant.

Abzugsmöglichkeiten erkennen

Ein Abzug braucht immer zwei eigene Steine hintereinander auf einer Linie, Reihe oder Diagonale, die auf den gegnerischen König oder eine wertvolle Figur zielt. In Schachaufgaben nennt man diese Anordnung eine Batterie [1]. Wenn du eine solche Batterie auf dem Brett hast, frag dich, wohin der vordere Stein ziehen kann: Kann er schlagen, eine Gabel geben oder selbst Schach bieten? Steht der gegnerische König noch nicht auf der Linie, lohnt die Frage, ob ein Schach oder ein Opfer ihn dorthin lenkt, wie Réti es mit 9.Dd8+ tat.

Eine Frau um die fünfunddreißig beugt sich in einem ruhigen Raum am Holztisch über ein Schachbrett
Bild: KI-generiert

Umgekehrt solltest du gegnerische Batterien früh bemerken. Steht dein König auf einer Linie mit einem gegnerischen Turm, Läufer oder einer Dame, und nur ein gegnerischer Stein steht dazwischen, ist ein Abzug möglich. Abzugsschach und Doppelschach führen oft zu Mattbildern wie dem erstickten Matt, mehr dazu unter Mattbilder. Verwandte Doppelangriffe zeigt die Seite Die Gabel.

  1. Abzug (Schach). Wikipedia (deutsch). Stand Stand 07.06.2026. abgerufen am 29.10.2026
  2. Discovered attack. Wikipedia (englisch). Stand Stand 27.05.2026. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Intensivkurs Schach. Ein Lern- und Lehrbuch für Anfänger und ihre Lehrer, Teil 2, Kapitel 13 und 27. Dietrich Schlotter, bereitgestellt von der Deutschen Schachjugend. Stand 2. Auflage 2016. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation FIDE Laws of Chess, Artikel 3.1, 3.8, 3.9 und Anhang C.13 (gültig ab 01.01.2023). FIDE. Stand 01.01.2023. abgerufen am 29.10.2026
  5. Double check. Wikipedia (englisch). Stand Stand 27.05.2026. abgerufen am 29.10.2026
  6. Richard Réti gegen Savielly Tartakower, Wien 1910 (Partieprotokoll). chessgames.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.