Schachendspiele lernenRatgeber
Turmendspiele: die wichtigsten Stellungen und Regeln
Turmendspiele sind Endspiele, in denen beide Seiten außer dem König nur Türme und Bauern haben. Die zwei wichtigsten Stellungen sind die Lucena-Stellung, in der Turm und Bauer gegen Turm durch den Brückenbau gewinnen, und die Philidor-Stellung, in der die schwächere Seite mit dem Turm auf der dritten Reihe remis hält.

Ein Turmendspiel liegt vor, wenn beide Seiten außer dem König nur noch Türme und Bauern haben [1]. Die deutschsprachige Wikipedia nennt nach einer Statistik aus dem Buch von Jesús de la Villa einen Anteil von etwa acht Prozent aller Partien, die in einem Turmendspiel enden [1]. Die englischsprachige Wikipedia gibt für Turmendspiele mit beliebig vielen Bauern acht bis zehn Prozent aller Partien an [2].
Turm gegen Turm und Turm gegen Bauer
Ohne Bauern ist das Turmendspiel fast immer remis. Eine Ausnahme ist der Verlust eines Turms durch einen Spieß, also ein Schach, hinter dem der Turm steht [1]. Mit zwei Türmen gegen einen Turm sind dagegen Gewinne möglich [1].
Turm gegen einen Bauern ist meist eine Frage der Könige. Steht der König der Turmseite vor dem Bauern, gewinnt der Turm. Erreicht der verteidigende König seinen Bauern rechtzeitig und unterstützt ihn, endet die Partie in der Regel remis [1]. Dass der Bauer gegen den Turm gewinnt, kommt nur in sehr seltenen Ausnahmefällen vor. Die Wikipedia nennt als Beispiele das Manöver von Potter und die Studie von Saavedra [1].
Gegen zwei verbundene Bauern ist alles möglich, vom Gewinn über das Remis bis zur Niederlage der Turmseite. Es kommt darauf an, wo die Könige stehen und wie weit die Bauern schon sind [1]. Stehen die Bauern schon auf der drittletzten oder vorletzten Reihe und sind beide Könige weit weg, gewinnt meist die Bauernseite. Manchmal hält der Turm trotzdem, wenn er ständig Matt droht [1].
Die Lucena-Stellung: so gewinnst du mit Turm und Bauer
Die Lucena-Stellung ist die klassische Gewinnstellung im Endspiel Turm und Bauer gegen Turm. Karsten Müller hat sie laut der englischsprachigen Wikipedia als vielleicht wichtigste Stellung der gesamten Endspieltheorie bezeichnet [2]. Erreicht die stärkere Seite sie, gewinnt sie zwingend [2, 6]. Kennzeichnend sind fünf Merkmale [2]:

- Der Bauer ist kein Randbauer.
- Der Bauer steht auf der siebten Reihe.
- Der eigene König steht auf dem Umwandlungsfeld vor dem Bauern.
- Der eigene Turm schneidet den gegnerischen König mindestens eine Linie weit ab.
- Der gegnerische Turm steht auf der anderen Seite des Bauern.
Das Standardbeispiel: Weiß hat König b8, Bauer b7 und Turm c1, Schwarz hat König d8 und Turm a2 [2]. Das Problem für Weiß ist der eigene König. Er muss das Umwandlungsfeld verlassen, damit der Bauer ziehen kann, und wird dann vom schwarzen Turm von der Seite mit Schach verfolgt. Der direkte Versuch 1.Td1+ Ke7 2.Kc7 scheitert genau daran [2].
Die Lösung heißt Brückenbau, ein Begriff von Aron Nimzowitsch [2]. Als universelle Methode beschreibt ihn auch Schlemermeyer, bei einem Springerbauern ist er die einzige Möglichkeit [6]. Nach 1.Td1+ Ke7 stellt Weiß den Turm mit 2.Td4 auf die vierte Reihe. Dann verlässt der König das Umwandlungsfeld, und wenn ihm die schwarzen Schachs folgen, stellt Weiß im siebten Zug mit Tb4 den Turm dazwischen. Der Turm schirmt König und Bauer ab, und der Bauer wandelt um [2]. Laut Endspieldatenbank ist die Ausgangsstellung ein Matt in 21 Zügen [2]. Hört Schwarz vorher mit den Schachs auf, kann die Brücke auch auf der fünften Reihe entstehen [2]. Ist in der Ausgangsstellung Schwarz am Zug, gewinnt Weiß ebenfalls: Er fängt die Schachs mit Td5 und danach Tb5 ab [2]. Gegen die Verteidigung 2...Tb2 gibt es noch einen zweiten Weg. Weiß spielt 3.Ta4, vertreibt den schwarzen König und wandelt um [2]. Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt den Brückenbau allgemein als Abwehr der störenden Schachs, indem der angreifende Turm auf der richtigen Reihe bereitsteht [1].
Über den Namen der Stellung gehen die Angaben auseinander. Nach der englischsprachigen Wikipedia steht die Stellung nicht im Buch von Luis Ramírez de Lucena aus dem Jahr 1497 [2]. Die deutschsprachige Wikipedia nennt die Zuschreibung an Lucena umstritten [1]. Die älteste erhaltene Behandlung steht in Alessandro Salvios Buch Il Puttino von 1634, das sie Scipione Genovino zuschreibt [2]. Der Irrtum geht vermutlich auf die sechste Auflage des Handbuchs des Schachspiels von 1880 zurück [2].
Die Philidor-Stellung: so hältst du remis
Das Gegenstück zur Lucena-Stellung hat François-André Danican Philidor im Jahr 1777 untersucht [3]. Der verteidigende König steht vor dem gegnerischen Bauern, auf dessen Umwandlungsfeld oder daneben [3]. Der Bauer kann auf jeder Linie stehen, auch am Rand [3, 6]. Der verteidigende Turm bleibt auf der dritten Reihe aus Sicht des Verteidigers, solange der Bauer diese Reihe noch nicht erreicht hat. Deshalb heißt das Verfahren auch Verteidigung auf der dritten Reihe [3]. Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt dieselbe Stellung aus Sicht des Angreifers, als Sperre auf der sechsten Reihe [1].

Zieht der Bauer auf die dritte Reihe, ändert der Verteidiger den Plan. Jetzt geht der Turm ans andere Ende des Bretts und gibt von hinten Schach [3]. In Philidors Beispiel verteidigt Weiß mit König e1 und Turm a3, Schwarz hat Bauer e4, König f4 und Turm h2 [3]. Nach 1...Tb2 2.Tc3 Ta2 3.Tb3 e3 geht der weiße Turm mit 4.Tb8 ans andere Ende des Bretts und kann von dort von hinten Schach geben [3].
Philidor hielt es für nötig, dass der Turm auf der dritten Reihe bleibt. Max Karstedt (1868 bis 1945) zeigte 1897, dass das nicht in jedem Fall stimmt, und Johann Berger baute diese Erkenntnis aus [3]. Jesús de la Villa nennt die Lucena- und die Philidor-Stellung die wichtigsten Stellungen dieses Endspiels [3].
Wenn der König nicht vor den Bauern kommt
Erreicht der verteidigende König das Feld vor dem Bauern nicht, wird die Verteidigung schwieriger. Bei Bauern auf den Linien c bis f soll der Verteidiger dann mit dem König auf die schmalere Seite des Bretts ausweichen, und der Turm gibt von der Randreihe aus Schach. Die deutschsprachige Wikipedia nennt das nach Max Karstedt das Karstedt-Manöver [1]. Schlemermeyer beschreibt die Karstedt-Verteidigung abweichend: Der König geht auf die kurze Seite des Bretts, der Turm steht hinter dem Bauern und hält ihn auf der fünften Reihe fest, und bei Bedarf pendelt der Turm zur langen Seite und droht Seitenschachs. Den Angriff mit Seitenschachs von der langen Seite nennt er Flanken-Verteidigung [6]. Die englischsprachige Wikipedia spricht von der Verteidigung auf der kurzen Seite, mit der sich manche Stellungen halten lassen, die wie eine Lucena-Stellung aussehen [2].
Die Tarrasch-Regel: Türme gehören hinter Freibauern
Die bekannteste Faustregel im Turmendspiel stammt von Siegbert Tarrasch (1862 bis 1934). In seinem Turnierbuch über Sankt Petersburg 1914 schrieb er sinngemäß, die Türme gehörten hinter die Freibauern, hinter die eigenen, um ihren Vormarsch zu unterstützen, und hinter die gegnerischen, um sie aufzuhalten [4]. Ein Turm hinter dem eigenen Freibauern unterstützt ihn mit jedem Schritt, ein Turm hinter dem gegnerischen Freibauern hält ihn auf, denn der Bauer kann ohne Deckung nicht sicher vorrücken [4].

Wie jede Faustregel hat auch diese Ausnahmen. Juri Awerbach hielt den Turm für besser seitlich aufgestellt, wenn der gegnerische König den Bauern blockiert. Cecil Purdy meinte, der Turm stehe nur dann am besten hinter dem eigenen Bauern, wenn dieser auf der fünften Reihe oder weiter steht oder sie erreichen kann [4]. Im Endspiel Turm und Bauer gegen Turm steht der verteidigende Turm bei einem Springerbauern manchmal am besten auf der Grundreihe vor dem Bauern, und gegen einen Randbauern ist ein Angriff von der Seite häufig besser [4]. Tarrasch selbst soll gesagt haben, man solle den Turm immer hinter den Bauern stellen, außer wenn das falsch ist [4].
Turmendspiele mit mehreren Bauern
Haben beide Seiten Turm und mehrere Bauern, lassen sich laut der deutschsprachigen Wikipedia kaum allgemeine Regeln für den Ausgang finden [1]. Als wichtige Techniken nennt sie dort den Brückenbau, den du aus der Lucena-Stellung kennst, und das Lasker-Manöver, das der spätere Weltmeister Emanuel Lasker gezeigt hat [1]. Laut der englischsprachigen Wikipedia führt genaues Spiel in den meisten Endspielen Turm und Bauer gegen Turm entweder zur Lucena- oder zur Philidor-Stellung [2]. Deshalb lohnt es sich, Lucena und Philidor sicher zu kennen, bevor du dich an kompliziertere Endspiele wagst.
Nach der Statistik von de la Villa gehen etwa 38 Prozent der Partien, die in einem Turmendspiel enden, remis aus [1]. Auch nach einem Bauernverlust lohnt es sich also, weiter genau zu verteidigen. Beim Verteidigen hilft die 50-Züge-Regel. Nach Artikel 9.3 der FIDE-Regeln kann ein Spieler Remis beantragen, wenn beide Seiten 50 Züge lang keinen Bauern gezogen und nichts geschlagen haben [5]. Nach 75 solchen Zügen ist die Partie nach Artikel 9.6.2 ohne Antrag remis, es sei denn, der letzte Zug setzt matt [5].
So lernst du Turmendspiele
Stell die Lucena- und die Philidor-Stellung auf dem Brett auf und spiel sie mit beiden Farben durch, bis du die Züge ohne Nachdenken findest. Danach kannst du die Stellungen gegen den Computer ausprobieren und schauen, ob er dich aus der Philidor-Verteidigung herauslockt. Hilfreich ist es, die Grundlagen vorher sicher zu können: die Rolle des Königs aus der Seite Opposition und die Umwandlung aus König und Bauer gegen König. Wie du die Zugfolgen auf dieser Seite liest, erklärt Schachnotation.
- Turmendspiel. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Lucena position. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Philidor position. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Tarrasch rule. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation FIDE Laws of Chess, Artikel 9.3 und 9.6.2 (gültig ab 01.01.2023). FIDE. Stand 01.01.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Elementare Turmendspiele. Trainingsmaterial. Wilhelm Schlemermeyer, bereitgestellt vom Schachclub Kreuzberg. Stand 2007. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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