Schachregeln einfach erklärtRatgeber
Figurenwerte im Schach: wie viel jede Figur wert ist
Die übliche Faustregel zählt den Bauern als 1, Springer und Läufer als je 3, den Turm als 5 und die Dame als 9 Punkte. Der König bekommt keinen Tauschwert, weil er nicht geschlagen werden kann. Die Werte sind nur ein grober Anhalt, denn wie viel eine Figur leistet, hängt von der Stellung ab.

Vor jedem Tausch stellt sich dieselbe Frage: Bekomme ich für meine Figur genug zurück? Dafür haben Schachspieler den Figuren Punktwerte gegeben. In den Spielregeln kommen diese Werte gar nicht vor, sie helfen nur beim Einschätzen eines Tauschs [3]. Dietrich Schlotter betont in seinem Lehrbuch, dass die Tabelle nur ein erster, grober Anhaltspunkt ist und der Wert eines Steins immer geschätzt werden muss [1]. Wer die Zahlen kennt und weiß, wann sie nicht passen, entscheidet am Brett schneller und sicherer.
Die üblichen Werte
Das bekannteste System gibt dem Bauern 1 Punkt, Springer und Läufer je 3, dem Turm 5 und der Dame 9 Punkte [1, 3]. Die Autoren der AlphaZero-Studie nennen es das am häufigsten verwendete System [2]. Die ältesten Herleitungen dieser Werte stammen nach der englischen Wikipedia von der Schule von Modena im 18. Jahrhundert [3].

| Figur | Wert in Bauerneinheiten |
|---|---|
| Bauer | 1 |
| Springer | 3 |
| Läufer | 3 |
| Turm | 5 |
| Dame | 9 |
| König | kein Tauschwert |
Springer und Läufer heißen zusammen Leichtfiguren, Turm und Dame Schwerfiguren. Nach der Tabelle ist eine Leichtfigur so viel wert wie drei Bauern und die Dame fast so viel wie zwei Türme. Opferst du also einen Springer und bekommst dafür drei Bauern, ist das rechnerisch ein ausgeglichener Tausch [3]. Wie die Figuren ziehen, steht unter Wie die Schachfiguren ziehen.
Warum die Figuren so unterschiedlich viel wert sind
Ein Grund liegt in der Zahl der Felder, die eine Figur erreichen kann. Schlotter stellt dazu die Zugmöglichkeiten auf dem leeren Brett zusammen [1]:

| Figur | vom Eckfeld | vom Randfeld | vom Zentralfeld |
|---|---|---|---|
| Springer | 2 | 3 bis 4 | 8 |
| Läufer | 7 | 7 | 13 |
| Turm | 14 | 14 | 14 |
| Dame | 21 | 21 | 27 |
| König | 3 | 5 | 8 |
Der Turm erreicht von jedem Feld aus 14 Felder, die Dame vereint die Wege von Turm und Läufer. Der Springer hängt am stärksten von seinem Standort ab: In der Ecke hat er nur zwei Züge, in der Mitte acht. Am Rand steht ein Springer deshalb oft schlecht. Schlotter zeigt eine Stellung, in der ein Läufer einen Springer am Rand festhält, sodass der Springer praktisch wertlos ist, obwohl beide nach der Tabelle gleich viel zählen [1].
Andere Wertesysteme
Neben der Faustregel gibt es viele genauere Vorschläge. Mehrere davon bewerten den Läufer etwas höher als den Springer [3]. Eine Auswahl:
| Quelle | Springer | Läufer | Turm | Dame |
|---|---|---|---|---|
| übliche Faustregel | 3 | 3 | 5 | 9 |
| Bobby Fischer, 1972 | 3 | 3,25 | 5 | 9 |
| Larry Kaufman, 1999 | 3,25 | 3,25 | 5 | 9,75 |
| AlphaZero-Partien, 2020 | 3,05 | 3,33 | 5,63 | 9,5 |
Die Werte für Fischer stammen aus der Übersicht der englischen Wikipedia [3], die für Kaufman und AlphaZero aus der Studie von Nenad Tomašev, Ulrich Paquet, Demis Hassabis und Vladimir Kramnik [2]. Die Forscher haben dafür 10.000 Stellungen aus Partien ausgewertet, die das Programm AlphaZero gegen sich selbst gespielt hat [2]. Sie schreiben, dass der Turm je nach System zwischen 4,5 und 5,5 und die Dame zwischen 8,5 und 10 Punkten liegt [2]. Ihre eigenen Werte weichen nach ihrer Einschätzung nicht stark von den bekannten Systemen ab [2]. Interessant sind die Varianten der Studie mit geänderten Regeln: Zählt ein Patt als Sieg, sinkt der Turm in ihren Daten auf 4,76 und die Dame auf 8,96 Punkte [2]. Mehr zu abgewandelten Spielformen steht unter Schachvarianten.
Edward Lasker schrieb 1959, die Figuren seien schwer zu vergleichen, weil so viel von der Stellung abhänge [3]. Trotzdem bewertete er Läufer und Springer gleich, den Turm als Leichtfigur plus ein oder zwei Bauern und die Dame als drei Leichtfiguren oder zwei Türme [3].
Offene und geschlossene Stellungen
Hans Berliner, Fernschachweltmeister, passte seine Werte an die Art der Stellung an [3]. Läufer, Türme und Damen gewinnen bei ihm in offenen Stellungen bis zu 10 Prozent an Wert und verlieren in geschlossenen bis zu 20 Prozent [3]. Springer gewinnen in geschlossenen Stellungen bis zu 50 Prozent und verlieren in Ecken und am Rand bis zu 30 Prozent [3]. Ein guter Läufer kann bei ihm 10 Prozent mehr wert sein als ein schlechter [3]. Was eine offene oder geschlossene Struktur ausmacht, erklärt die Seite Bauernstruktur.
Das Läuferpaar und Tauschregeln der Praxis
Zwei Läufer auf verschiedenfarbigen Feldern sind meist mehr wert als Läufer und Springer [3]. Larry Kaufman schlug 1999 vor, für das Läuferpaar einen halben Punkt hinzuzurechnen [3]. Der Grund: Vor einem einzelnen Läufer kann sich der Gegner auf Feldern der anderen Farbe verstecken, vor zwei Läufern nicht [3].
Kaufman hat 2021 auch eine einfache Merkhilfe ohne Kommastellen vorgeschlagen. Sind die Damen vom Brett, rechnet man Bauer 1, Springer 3, Läufer etwas über 3 und Turm 5. Hat mindestens ein Spieler noch eine Dame, rechnet man Bauer 1, Springer 4, Läufer etwas über 4, Turm 6 und Dame 11 [3]. Dahinter steht eine Beobachtung: Mit Damen auf dem Brett sind zwei Leichtfiguren so viel wert wie ein Turm und zwei Bauern, ohne Damen nur wie ein Turm und ein Bauer [3]. Nach Kaufman ist ein Springer selbst im Endspiel mehr wert als drei gewöhnliche Bauern. Ausnahmen sind etwa drei Freibauern, besonders wenn sie verbunden sind [3].
Auch andere Faustregeln widersprechen der einfachen Rechnung. Drei Leichtfiguren mit zusammen 9 Punkten sind oft etwas stärker als zwei Türme mit 10 Punkten oder eine Dame mit 9 [3]. Im Mittelspiel sind zwei Leichtfiguren meist besser als Turm und Bauer, obwohl beide Seiten auf 6 Punkte kommen [3]. Leichtfiguren kommen früher ins Spiel und arbeiten besser zusammen, während die Türme oft noch hinter den eigenen Bauern stehen [3].
Die Qualität
Gewinnst du einen Turm gegen eine Leichtfigur, hast du "die Qualität" gewonnen. Nach der einfachen Tabelle sind das zwei Punkte. Die meisten Theoretiker setzen den Unterschied zwischen Turm und Leichtfigur aber eher bei etwa anderthalb Punkten an [3]. Schlotter beschreibt, dass ein ungleicher Tausch wie Turm gegen Springer und Bauer entweder eine riskante Einschätzung der Stellung oder eine genaue Berechnung der Endstellung verlangt [1]. Er zeigt auch Stellungen, in denen ein Turm mit dem Wert 5 bewusst für einen Bauern mit dem Wert 1 hergegeben wird, weil danach ein Matt folgt [1].
Der König
Der König hat keinen Tauschwert, denn er kann nicht geschlagen und nicht getauscht werden [3]. Die FIDE-Regeln verbieten ausdrücklich, den gegnerischen König zu schlagen. Die Partie endet vorher mit dem Matt [4]. Schachprogramme geben dem König deshalb oft einen willkürlich hohen Wert, etwa 200 Punkte oder mehr, damit der Verlust durch Matt alles andere überwiegt [3].
Im Endspiel sieht das anders aus. Dann droht kaum noch Matt, und der König wird zur kämpfenden Figur [3]. Seine Kampfkraft liegt nach der englischen Wikipedia dann bei etwa vier Punkten, mehr als eine Leichtfigur und weniger als ein Turm [3]. Wie der König im Endspiel eingreift, zeigt die Seite Die Opposition im Endspiel.
Wie sich die Werte im Endspiel verschieben
Je weniger Figuren auf dem Brett stehen, desto mehr ändern sich die Verhältnisse [3]. Bauern gewinnen an Wert, sobald ihr Weg zur Umwandlung frei wird. Springer verlieren eher an Wert, weil ihr kurzer Zug auf einem leeren Brett zum Nachteil wird. Türme und in geringerem Maß Läufer werden stärker, weil ihre Linien seltener versperrt sind [3]. Die Dame verliert etwas, weil es weniger Ziele für ihre Beweglichkeit gibt [3].

Ein Beispiel ist Dame gegen zwei Türme. Im Mittelspiel gelten beide Seiten als gleichwertig, im Endspiel sind die zwei Türme etwas stärker [3]. C. J. S. Purdy bewertete Leichtfiguren in Eröffnung und Mittelspiel mit dreieinhalb, im Endspiel dagegen mit drei Punkten [3]. Turmendspiele zählen nach der deutschsprachigen Wikipedia zu den häufigsten Endspielen im Schach [5]. Mehr dazu steht unter Turmendspiele.
Was die Zahlen nicht erfassen
Auch die Zahl der Bauern spielt eine Rolle. Kaufman schlug 1999 vor, den Springer für jeden eigenen Bauern über fünf um ein Sechzehntel aufzuwerten und den Turm um einen Viertelpunkt abzuwerten, bei weniger Bauern umgekehrt [3].
Alle Systeme bewerten ruhige Stellungen, in denen nicht gerade Material verloren geht [3]. Eine Gabel oder eine Fesselung kann jede Rechnung in einem Zug umwerfen. Dazu kommt die Lage der Figuren: Bauern am Rand zählen weniger als Bauern in der Mitte, Bauern kurz vor der Umwandlung deutlich mehr, und eingesperrte Figuren wie ein schlechter Läufer verlieren an Wert [3]. Schlotter fasst es so zusammen, dass der Wert eines Steins von der Zahl seiner Zugmöglichkeiten abhängt und vor allem von seinen Beziehungen zu den eigenen und fremden Steinen [1]. Ein typisches taktisches Motiv, das Material gewinnt, findest du unter Die Gabel.
- Studie Intensivkurs Schach. Ein Lern- und Lehrbuch für Anfänger und ihre Lehrer, Teil 2, Kapitel 28 (Der Tausch von Steinen und ihr relativer Wert). Dietrich Schlotter, bereitgestellt von der Deutschen Schachjugend. Stand 2. Auflage 2016. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Assessing Game Balance with AlphaZero: Exploring Alternative Rule Sets in Chess, Abschnitt Piece value und Tabelle 6. Nenad Tomašev, Ulrich Paquet, Demis Hassabis, Vladimir Kramnik (DeepMind), arXiv 2009.04374. Stand 2020. abgerufen am 29.10.2026
- Chess piece relative value. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation FIDE Laws of Chess taking effect from 1 January 2023, Artikel 1.4.1. FIDE. Stand 01.01.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Turmendspiel. Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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