Schachstrategie im MittelspielRatgeber
Einen Plan im Mittelspiel finden: von der Bewertung zum Ziel
Ein Plan entsteht aus der Bewertung der Stellung: Königssicherheit, Material, Bauernstruktur, offene Linien und das Zusammenspiel der Figuren. Aus dem Vergleich ergibt sich ein Ziel, etwa eine schwache Basis einer Bauernkette oder eine offene Linie. Dieses Ziel erreichst du in Etappen und prüfst dabei, was der Gegner vorhat.

Nach der Eröffnung sind die Figuren entwickelt und der König steht sicher. Jetzt braucht es eine Idee für die nächsten Züge, und ein Plan gibt ihnen eine Richtung. Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt die Schachstrategie als das Entwickeln eines Plans, der auf ein längerfristiges Spielziel ausgerichtet ist [1].
Erst die Stellung bewerten
Jeder Plan geht von der aktuellen Stellung aus, und schon die Stellung eines einzelnen Bauern kann die Bewertung entscheidend verändern [1]. Die Bewertung ist deshalb der erste Schritt [1]. Die Wikipedia zählt dazu das Materialverhältnis, die taktischen und strategischen Drohungen beider Seiten, die Sicherheit der Könige, die Kontrolle über Linien und Diagonalen, die Bauernstruktur mit ihren Schwächen und starken Punkten, das Zusammenspiel der Figuren sowie das Verhältnis von Kraft, Raum und Zeit [1].

Aus der Bewertung folgt das Vorgehen. Es zielt darauf, diese Elemente auf der eigenen Seite zu verbessern oder eine Verbesserung beim Gegner zu verhindern [1]. Dabei unterscheidet die Wikipedia bessere, ausgeglichene und schlechtere Stellungen, die jeweils ein eigenes Vorgehen verlangen [1]. Manche Elemente bleiben lange stabil, andere ändern sich mit jedem Zug, deshalb gehört die Bewertung immer wieder auf den Prüfstand [1].
Die Methode von Dorfman
Einen Ablauf für diese Bewertung hat der Großmeister Iossif Dorfman beschrieben [1]. Er beginnt mit sogenannten kritischen Stellungen, die meist am Ende einer erzwungenen oder selbstverständlichen Zugfolge stehen [1]. Dorfman nennt drei Merkmale einer kritischen Stellung: Es geht um eine mögliche Änderung der Bauernstruktur, um einen möglichen Abtausch einer Figur, oder die Stellung ist das Ende einer Serie erzwungener Züge [1].
In einer solchen Stellung vergleichst du vier Kriterien, in dieser Reihenfolge ihres Gewichts: die Sicherheit beider Könige, das Materialverhältnis, die Bewertung der Stellung ohne Damen und die Bauernstruktur beider Seiten [1]. Wer nach dieser Rangfolge statisch besser steht, spielt nach Dorfman ruhig und planmäßig weiter, gruppiert seine Figuren um und meidet unüberlegten Abtausch und unüberlegte Bauernzüge [1]. Wer statisch schlechter steht, sucht dagegen Opfer, Komplikationen und Kombinationen, die die statischen Kriterien verändern [1]. Unmittelbare taktische Drohungen erfasst diese Methode nicht, sie müssen nach der Wikipedia als Erstes untersucht werden [1].
Fragen, aus denen ein Plan entsteht
Dietrich Schlotter beschreibt im Intensivkurs Schach der Deutschen Schachjugend, wie ein Plan in der Praxis entsteht. Er zeigt an einer Turnierpartie zwischen Ullrich Krause und Sipke Ernst aus Groningen vom 21.12.2010, wie viele Merkmale einer Stellung gleichzeitig zu bedenken sind [2]. Erst nach der genauen Analyse dieser Merkmale lässt sich nach Schlotter der Plan für die Fortführung des Kampfes entwickeln [2]. Aus systematischen Fragen, die sich jeder Spieler immer wieder stellen muss, entsteht die Idee für einen Plan, und die Antworten bringen ihn zur Reife [2]. Danach entwirft man in Gedanken die Zielstellung, die man erreichen will [2]. Als Stichwort für den strategischen Plan in diesem Endspiel nennt Schlotter die Beweglichkeit der Streitkräfte [2].
Für das Mittelspiel lässt sich aus den Kriterien oben eine eigene Fragenliste zusammenstellen. Welche Figur steht am schlechtesten, und wo hätte sie mehr Wirkung? Gibt es eine offene oder halboffene Linie, auf die ein Turm gehört? Hat der Gegner eine Bauernschwäche oder ein Loch, auf dem sich eine Figur festsetzen kann? Auf welchem Flügel habe ich mehr Bauern? Wie sicher stehen die beiden Könige? Die Antworten auf diese Fragen zeigen, wo dein Ziel liegt.
Dabei hilft es, die üblichen Figurenwerte nicht starr zu nehmen. Schlotter schreibt dazu im selben Kapitel, der Wert der Steine sei relativ, und ein Bauer könne wertvoller sein als ein Läufer [2]. In seinem Beispiel bietet Schwarz einen Läufer als Opfer an, um den weißen Läufer von einer wichtigen Diagonale abzulenken und einem Freibauern den Weg zu öffnen [2]. Die Grundwerte stehen unter Figurenwerte im Schach.
Typische Pläne aus der Bauernstruktur
Viele Pläne ergeben sich direkt aus den Bauern, weil die Struktur oft über lange Phasen gleich bleibt und deshalb die langfristigen Pläne beider Spieler bestimmt [3]. Wer auf einem Flügel mehr Bauern hat, greift im Mittelspiel meist dort an, um einen Freibauern zu bilden oder die Bauern vor dem gegnerischen König aufzubrechen [3]. Der Gegner kann dann versuchen, diese Mehrheit mit einem Minoritätsangriff zu schwächen [3]. In der Karlsbader Struktur des Damengambits nennt die Wikipedia drei Pläne für Weiß: den Minoritätsangriff mit dem a- und b-Bauern, den Durchbruch e3-e4 im Zentrum und den Angriff am Königsflügel [3].
Gegen eine Bauernkette entwickelte Aron Nimzowitsch einen Plan in Etappen, den er vor allem an der Vorstoßvariante der Französischen Verteidigung zeigte [4]. Die Basis der Kette wird mehrfach mit Figuren angegriffen. Dabei stehen die Angreifer aktiv, und der Verteidiger bekommt Schwierigkeiten mit der Entwicklung [4]. Der Druck bleibt bestehen, bis durch diese Schwierigkeiten neue Schwächen entstehen. Dann gibt der Angreifer das erste Ziel auf und greift die neue Schwäche mit allen Mitteln an [4]. Heute wird eine Kette oft auch an der Spitze aufgebrochen; nach John Watson lässt sich keine allgemeingültige Strategie für Ketten aufstellen, jede Formation hat ihre eigenen Gesetze [4]. Mehr zu den Strukturen steht unter Bauernstruktur und Schwache Felder und Vorposten.
Ein Plan in Etappen: die offene Linie
Schlotter zeigt den Aufbau eines Plans an der offenen Turmlinie. Er verwendet die Definition von Nimzowitsch: Offen ist eine Linie für einen Spieler, wenn dort sein eigener Bauer fehlt, unabhängig davon, ob noch ein gegnerischer Bauer darauf steht [5]. Nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.0-0 Sf6 5.c3 0-0 6.d4 exd4 7.cxd4 hat Weiß in diesem Sinn die c-Linie offen, Schwarz die e-Linie [5]. Typisches Mittel, um eine Linie zu öffnen, ist der Bauernhebel, hier d4 gegen e5 [5].

Das strategische Ziel jeder Aktion auf der offenen Linie ist das Eindringen in die gegnerische Stellung, für Weiß auf die siebte oder achte Reihe [5]. Schlotter fasst den Ablauf so zusammen: zuerst eine Linie öffnen, dann die offene Linie besetzen, dann auf die siebte oder achte Reihe eindringen und dort operieren [5]. Oft stehen gut gedeckte Bauern im Weg. Dann wird ein Bauerngewinn zum Zwischenziel, und der Angreifer setzt mehrere Figuren gegen das Ziel ein und vermindert die Verteidiger durch Abtausch, Vertreiben oder Absperren der verteidigenden Figur [5]. Der Gegner kämpft seinerseits um die Linie, weil schon die Gefahr eines Eindringens ihn dazu zwingt [5].
Auch ein einzelner Bauernzug kann ein Ziel für eine Linienöffnung schaffen. Schlotter zeigt das nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.Sc3 Sf6 5.d3 d6 6.Le3 Lb6 7.Dd2 0-0 8.0-0-0 h6 [5]. Den Zug h7-h6 nennt er einen typischen Anfängerfehler, weil der Bauer jetzt eine Angriffsmarke ist: Nach h2-h3, g2-g4 und g4-g5 kann Schwarz den Tausch des h-Bauern gegen den g-Bauern nicht mehr vermeiden, wenn er nicht rechtzeitig vorgesorgt hat, und ein weißer Turm besetzt danach die offene g-Linie [5]. Ändert sich die Bauernstruktur, ändert sich nach Schlotter auch die Bedeutung einer offenen Linie und der Vorteil, den sie bringt [5]. Wie Türme im Endspiel auf der siebten Reihe arbeiten, steht unter Turmendspiele.
Was der Gegner vorhat
Ein Plan muss die Absichten des Gegners einbeziehen. Das englischsprachige Schachglossar bezeichnet als Prophylaxe eine Strategie, die einen Plan oder eine taktische Idee des Gegners vereitelt [6]. Langsam nennt es eine Strategie, die so viele Tempi braucht, dass der Gegner Zeit hat, seine Stellung zu festigen [6].

Beides zeigt Schlotter an Meisterpartien. In der Partie Mieses gegen Capablanca, Berlin 1913, hätte der strategische Plan von Schwarz darin bestehen können, den Zug d7-d5 durchzusetzen [7]. Mit 7...Te8, das den weißen Bauern e4 angreift, verzögerte Schwarz aber die Entwicklung seines Damenläufers und verschenkte bei der Durchsetzung dieses Plans ein Tempo [7]. In der Partie Capablanca gegen Burn hält Schlotter die Umgruppierung von Dame und Läufer durch Schwarz für einen vermutlich fehlerhaften Plan, weil sie die Fesselung des Springers f6 durch den weißen Läufer auf g5 zuließ [7].
So übst du das Planen
Nimm dir eine Stellung aus einer eigenen Partie nach der Eröffnung und schreib deine Bewertung auf, Punkt für Punkt nach den Kriterien oben. Formuliere dann ein Ziel und die Etappen dorthin. Spiel die Stellung danach gegen den Computer und vergleiche, wie weit du gekommen bist. Taktische Motive, die einen Plan durchkreuzen oder ihn abschließen, findest du im Bereich Taktik.
- Strategie (Schach). Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Intensivkurs Schach. Ein Lern- und Lehrbuch für Anfänger und ihre Lehrer, Teil 4, Schlussbetrachtung. Dietrich Schlotter, bereitgestellt von der Deutschen Schachjugend. Stand 2. Auflage 2016. abgerufen am 29.10.2026
- Bauernstruktur. Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Bauernkette. Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Intensivkurs Schach. Ein Lern- und Lehrbuch für Anfänger und ihre Lehrer, Teil 3, Kapitel 33 (Offene Turmlinien). Dietrich Schlotter, bereitgestellt von der Deutschen Schachjugend. Stand 2. Auflage 2016. abgerufen am 29.10.2026
- Glossary of chess (Einträge prophylaxis, slow). Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Intensivkurs Schach. Ein Lern- und Lehrbuch für Anfänger und ihre Lehrer, Teil 3, Kapitel 35 (Komplette Partien). Dietrich Schlotter, bereitgestellt von der Deutschen Schachjugend. Stand 2. Auflage 2016. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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